Bonjour Tristesse: 11 Aussichten für Perspektivlosigkeit

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Wurde Dein befristeter Vertrag mal wieder nicht verlängert? Was gibt es da Besseres, als das eigene trostlose Leben ohne Arbeit ganz alleine mit sich selbst zu verbringen? Falls ihr noch nach einem schönen, lauschigen oder traurigen Ort zum Beobachten des gesamtgesellschaftlichen Verfalls sucht, solltet ihr in unserem Tagesguide schnell fündig werden – zusammen mit keinem Sponsor haben wir unsere liebsten Plätze herausgesucht:


Am Kottbusser Tor

Der Kotti ist der Spiegel des Innenlebens eines depressiven Heroinabhängigen auf Koks. Graue Plattenbauten überbrücken eine viel befahrene Straße, auf der nicht selten unschuldige, dreckige vierbeinige Tauben überfahren werden. Das Blaulicht der vorbeifahrenden Hundertschaften untermalt die dort herrschende Kälte, die unser aller Herzen erwärmt. Und sind wir mal ehrlich: Was gibt es schöneres, als sich in die Schlaglöcher menschlicher Existenz zu legen und sich dem Duft von Schweiß, Tränen und angetrocknetem Blut voll und ganz hinzugeben?


Vor dem Cityklo am Hermannplatz

Scheiß auf Podcasts! Hier erfährst Du wahre Geschichten aus dem wirklich echten Leben. Triff Dich mit Manne, Mohammed und Ilse auf einen Morgenkorn und schwelge mit ihnen in der Erinnerungen an eine nie dagewesene, gute Zeit.


Im “kleinen Tiergarten”

Der kleine Tiergarten ist ideal für Menschen, die es ruhiger mögen. Fernab vom Stress der Straße kann man sich hier ganz entspannt auf einer Parkbank beklauen lassen. Und mit dem Brot von vor drei Wochen die Ratten füttern. Und falls Du besonders blickig bist: Zwischen den kleinen, verdorrten Sträuchern findest Du mit ein wenig Glück sogar die ein oder andere Pfandflasche.


An der Weltzeituhr am Alexanderplatz

Am Alexanderplatz ist immer 5 nach 12. Das heißt: Zu spät! Zu spät, das eigene Leben in den Griff zu bekommen. Zu spät, die eigenen Träume zu erfüllen. Zu spät für ein weichgekochtes Ei. Nirgendwo sonst ist das Gefühl des täglichen Hustles so groß, nirgendwo sind die Augen enttäuscher Touristen leerer. Ideal, um im Weltschmerz zu baden und mit fünf Schachteln Zigaretten das eigene Leben sukzessive zu verkürzen.


Am S-Bahnhof Sonnenallee

Wem schon beim Lesen des Wortes “Sonnenallee” das Herz aufgeht, ist hier genau richtig. Denn die dort gelegene kleine Insel der Erholung bietet alles, was man braucht: In 2 Gehminuten ist man bei Netto, in 5 Minuten schon bei der nächsten Großbaustelle. Wir sitzen hier auch oft tagelang, schlürfen nostalgisch unser Schloss-Bier aus mitgebrachten Plastikbechern und lauschen dem Klang des noch aufstrebenden, bald aber wieder zerfallenden Kapitalismus’.


Auf unseren Plastikstühlen

Da wir uns aus ideologischen sowie finanziellen Gründen keine Musiker für unsere Plastikstühlen leisten können, sind wir froh um jeden, der sich auf unser Niveau niederlässt. Komm‘ vorbei, wir haben auch Zigarettenstummel für Dich! Aber bitte keine zu hohen Erwartungen.

#PLASTIKstuhl #50percentcapslock

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Auf der Brücke an der Friedrichstraße

Für die Wasserratten unter Euch: Die Brücke am S- und U-Bahnhof Friedrichstraße, die das Reichstagsufer mit dem Schiffbaudamm verbindet, eignet sich perfekt für einen Ausflug zum Wasser. Hier kann man seine Beine nostalgisch durch die kalten Stäbe eines verrosteten Geländers baumeln lassen und den ein oder anderen toten Fisch vorbeitreiben sehen. Und wenn man mit kleine Steinchen auf Touristen wirft, die unten einem auf Booten vorbeifahren, vergeht der Tag besonders schnell.


Am Pallasseum

Nirgendwo sonst kann man dem Geist gescheiterter Ideologien derart frönen: Der ehemalige Sportpalast, in dem Goebbels einst für den totalen Krieg hetzte, ist in den 70ern einem eindrucksvollen Betonkoloss gewichen, der seinesgleichen sucht. Wenn Du die langen, tristen Flure langsam abwanderst und die Ohren spitzt, kannst Du die dort wohnenden Menschen im anonymen Sardinendosenleben versinken hören.

#Pallasseum

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Auf dem Leopoldplatz

Der Leopoldplatz ist in die Länge gezogen wie ein langer, uninteressanter Tag. Und er liegt im Herzen des Weddings – ein Bezirk, der seit Jahrzehnten als kommender Szenebezirk gilt; aber die Szene kommt und kommt einfach nicht. So wie Du mit Deinem Tag etwas Interessanteres anfangen könntest, aber Dich frei und bewusst entscheidest, es einfach zu lassen.


Unter der Autobahnbrücke A100/Grenzallee

Warum ans Meer fahren, wenn man auch den Wellen des Stadtverkehrs lauschen kann? Eingelullt in warme Plastiktüten kannst Du hier locker einen ganzen Tag verbringen. Und wenn Du die Augen schließt und tief durchatmest, fühlt es sich fast so an,als lägst Du direkt auf einer Autobahn. Herrlich!


BSR-Recyclinghöfe

Nirgends sonst in Berlin kann man die Früchte einer vom Kapitalismus geprägten Konsumgesellschaft vom dreckigen Boden auflesen wie in den Recyclinghöfen der Stadtreinigung. Bau Dir einfach einen Hocker aus Fundstücken, setzt’ Dich hin, lehn’ Dich zurück und atme tief durch. Die Luft dort brennt in den Lungen wie eine Zigarette, die Du illegal an U-Bahnhöfen erwerben kannst.

Besichtigung eines #BSR #Recyclinghof in #Berlin! #gogreen #recycling

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